Jahrelang wurde das Studium als der bevorzugte Bildungsweg angepriesen, während das Handwerk als zweite Wahl dargestellt wurde. Nun, wo Fachkräfte in der Baubranche knapp sind und Wartezeiten für Handwerkerdienstleistungen sich bis zu acht Monaten hinausziehen, treten Akademiker zunehmend an die Grenzen ihrer Kompetenz. Die Frage, ob dieses Bildungseuphorie eine Kehrseite hat, ist jedoch nicht so einfach zu beantworten, wie manche Handwerksbetriebe behaupten.
Neue Rangliste?
Steinmetzmeisterin Kathrin Post-Isenberg aus der Deutschen Handwerkszeitung erklärt, dass es sich bei der gegenwärtigen Haltung vielmehr um eine Umkehrung der alten Hierarchie handelt. „Jahrelang sollten alle studieren – jetzt sollen Akademiker spüren, was sie davon haben. Nach Jahrzehnten der Geringschätzung macht diese Genugtuung die Runde in Handwerksbetrieben“, so Post-Isenberg.
Bildungswippe?
Die Handwerksbranche fordert nun mehr Anerkennung und mehr Handwerker, aber ohne die Unterschiede in Bildungswegen zu relativieren. „Wir müssen nicht jede paar Jahrzehnte die Bildungswippe umkippen“, warnt Post-Isenberg. „Eine Gesellschaft funktioniert nicht, wenn wir ihre Bildungswippe mit voller Kraft auf die andere Seite kippen.“
Post-Isenberg betont, dass es notwendig ist, Handwerker und Akademiker gleichermaßen zu schätzen. „Wir brauchen Menschen, die Häuser bauen, Heizungen installieren, Haare schneiden und Straßen pflastern. Wir brauchen auch Pflegekräfte, Erzieher, Ingenieurinnen, Wissenschaftler, Ärzte und Menschen in Berufen, deren Bedeutung sich nicht durch Mangel allein bestimmen lässt“, so die Expertin.
Was das für Bauunternehmen und ihre Vertriebspartner bedeutet, ist die Notwendigkeit, eine dauerhafte Bildungspolitik zu fördern, die sowohl akademische als auch praktische Bildungswege gleichermaßen schätzt und unterstützt. Eine kurzfristige Kehrtwendung kann zwar kurzfristig den Mangel in der Handwerksbranche lindern, aber langfristig festschreiben, dass ein Bildungsweg über den anderen zu stehen kommt. Bauunternehmen sollten daher eine Förderung der Handwerksausbildung im langfristigen Sinne unterstützen, um die Nachfrage nach Handwerksdienstleistungen effektiv zu reduzieren.
Langfristige Konsequenzen
Das Handwerk sollte keine alte Denkweise aufs Neue einleiten, indem es eine neue Rangliste für Bildungswege vorschlägt. Stattdessen sollten die Bemühungen sich auf eine Respektierung aller Bildungswegs konzentrieren, die sowohl die akademische als auch die praktische Ausbildung unterstützt.
Die Handwerksbranche sollte auf diese Weise nicht nur akademische Berufe und praktische Berufe gegeneinander ausspielen, sondern gleichzeitig die Werte beider erachten und fördern. Das ist nicht nur im Interesse der Handwerksbranche selbst, sondern auch der Gesellschaft als Ganzes.
Was das für Bauunternehmen und ihre Vertriebspartner bedeutet, ist, dass sie langfristig investieren sollten, um sowohl die akademische als auch die praktische Bildung zu fördern, um die Nachfrage nach Handwerksdienstleistungen langfristig zu stabilisieren.